Durch die Blumen statt durch den Wind
Durch die Blume (GAG)
Simona Caratus
14. Februar 2020
Frau K. beobachtet eine Weile ihren Mann, der an Demenz erkrankt ist. Sie schaut ihm zu, wie er den schönen Geburtstags-Blumenstrauss, regelrecht auseinander nimmt und die Blumen zerstört. Sie hält den Anblick fast nicht aus. Sie liebt Blumen und die mutwillige Zerstörung tut ihr in der Seele weh. Sie hat ihm bereits mitgeteilt, dass er das lassen soll. Dabei ist er sofort laut geworden: «Lass mich doch, Gott verdammi» so Herr K., «Lass mich nur machen». Frau K. wirft mir einen vielsagenden Blick zu und schüttelt den Kopf. Ein Paar Tränen kullern ihre über die Wange.

Sie versteht die Welt nicht mehr. Ihr Mann ist vor kurzem an Demenz erkrankt, er kann so vieles nicht mehr und dennoch scheint er noch einiges zu verstehen. Das bringt seine Frau ganz durcheinander. Sie weiss nicht mehr was sie ihm zutrauen kann und was nicht. Er kennt ihren Namen, hat noch Erinnerungen an die Kinder und das gemeinsame Leben. Das kann er noch gut, darüber reden.


«Warum macht er den Blumenstrauss kaputt?»
Das fragt sie mich ganz entgeistert. «Er weiss doch, wie man mit Blumen umgeht, er liebt sie, er hat immer unseren Garten gemacht, Jahr für Jahr! Wenn ich ihn frage, weiss er noch genau was zu tun ist!»
Ich erkläre ihr, dass ihr Mann in seinen Augen das richtige tut. Er liebt die Blumen immer noch, daran hat die Krankheit Demenz nichts verändert. Ein Blumenstrauss braucht Pflege, die verwelkten Blüten müssen entfernt werden, manche Stängel müssen gekürzt werden und das macht er auch. Er kümmert sich liebevoll darum und er führt genau die Handlungen durch, die durch seinen Antrieb «Blumenliebe» hervorgerufen wird. Die Gedanken die ihn antreiben sind absolut richtig, die Art wie er diese ausführt ist falsch, aber ganz wichtig zu wissen, immer noch in seinen Augen richtig. Da spielt die Demenz ihm einen Streich. Er will eigentlich die verwelkten Blüten entfernen, vielleicht sind auch keine vorhanden, aber das realisiert er nicht mehr. Er erinnert sich nur: «Ein Blumenstrauss, da muss man doch ein wenig daran herumschneiden!». Dabei entfernt er wahllos die schönsten Blumen.

Die Antriebe definieren unsere Persönlichkeit
Wir sind das was wir tun, was wir lieben oder was wir hassen, wie wir agieren und sprechen. Die Antriebe prägen unser Leben. Sie sind so stark in uns verankert, dass die Krankheit Demenz sie nicht «weglöschen» kann. Beispiele von Antriebe sind: Pflichtbewusstsein, Sparsamkeit, Bewegungsfreude, Verantwortungsgefühl, Natur oder Tierliebe, Fleiss und vieles mehr. Diese Antriebe sind, zusammen mit den Gefühlen, die Ressourcen auf denen wir eine Beziehung aufbauen können. Sie sind die Wegweiser im Umgang mit Demenzerkrankten. Wir müssen lernen die Handlungen von Menschen mit Demenz auszublenden und den Antrieb dahinter zu erkennen und zu bestätigen. Wenn also jemand, der an Demenz erkrankt ist einen Schrank «auseinandernimmt», dann loben wir seinen Ordnungssinn und seinen Fleiss, weil das die Antriebe sind, die ihn dazu bringen «Ordnung» zu machen. Deswegen kommt uns die Biografie-Arbeit sehr entgegen. In dem Gespräch mit den Angehörigen kristallisieren sich sehr schnell diese Antriebe heraus. Es hilft uns zu verstehen, warum jemand immer früh aufsteht, immer fragt wie spät es ist, oder viel unterwegs ist liebt.
Das erkläre ich in Ruhe Frau K. und sie nickt verständnisvoll. Sie ist bereit es auszuprobieren. Ich bringe ihr eine Vase und gemeinsam stellen wir den in Mitleidenschaft gezogenen Blumenstrauss ins Wasser. Herr K. strahlt sie an. Frau K. sagt wie ich es ihr beigebracht habe, «Gut gemacht Schatz, mein Mann mit dem grünen Daumen!», «Du bist der Fachmann. Mit den Blumen kennst Du dich aus. Im Garten macht dir niemand etwas vor!» «Ja, Trudi!» bestätigt er, «Weisst Du, das hat immer… und die Sonne draussen, weiss…mein Vater muss ich fragen…» Die Wortwahl ergibt für uns keinen Sinn, aber sein Lächeln wird breiter und er plappert glücklich darauf los. Er hat die Blumen versorgt, das hat gut getan, er fühlt sich bestätigt und das gibt ihm ein Stück Identität zurück. Die Leute sehen einen Sinn in dem war er macht. Also, ist alles in Ordnung. Die Sonne scheint, die Natur ruft, Herr K. läuft in den Garten hinaus. Wir begleiten ihn. Erneut hat Frau K. Tränen in die Augen, diesmal vor Freude.
«Gell», sagt sie mir verschmitzt, «So erkenne ich meinen Mann wieder! Da muss ich wohl lernen durch die Blumen zu reden, vielleicht ist er dann weniger durch den Wind.»

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