Die Suche nach dem magischen Ort
Die Suche nach dem magischen Ort (GAG)
Simona Caratus
06. Januar 2020
Klopf, klopf…ich klopfe kurz an die Türe und warte einen Moment. Ich weiss genau wer im Zimmer wohnt, aber wer mich heute erwartet, das weiss ich noch nicht. Ist es die 85jährige Frau, die über viel Arbeit und Rückenschmerzen klagt, die 40jährige Dame von Welt, die ihre Koffer packen muss, weil sie verreisen will oder aber die 60jährige gesellige Frau, die Besuch erwartet und noch jede Menge Sachen zu erledigen hat? Wer ist wirklich zuhause hinter dieser Türe? All diesen Persönlichkeiten bin ich bereits einmal begegnet und noch vielen anderen mehr. Alle gehören zu Frau P., die seit vier Jahren bei uns wohnt und an Demenz erkrankt ist. Nicht alle diese «Damen» fühlen sich hier zuhause. Es liegt an uns, dem Pflegepersonal, Frau P. das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit zu vermitteln. All das macht ein Zuhause aus, der Platz wo wir uns wohlfühlen.

Warum ist das Zuhause so wichtig für einen Menschen mit Demenz?
Klar ist das Zuhause für jeden von uns wichtig, Zuhause als Gefühl, nicht als geographische Lage. Zuhause ist mehr als eine Ortschaft, oder ein Gebäude. Wir wechseln im Laufe unseres Lebens vermutlich einige Male die Adresse. Jeden neuen Ort füllen wir mit unserer Persönlichkeit aus und geben ihm das Prädikat «Zuhause». Es ist der Ort wo wir eine Familie gründen, oder vielleicht alleine wohnen und uns zurückziehen können. Manche von uns fühlen sich überall zuhause aber jeder ist anders.

Stellen Sie sich vor, es gäbe keinen Ort auf dieser Welt wo Sie sich zuhause fühlen. Was dann? Würden Sie aufgeben? Nein, ich denke Sie würden sich auf die Suche begeben. Und das macht ein Mensch mit Demenz auch. Das Einzige was ihm irgendwann noch bleibt, in einer Welt mit so vielen neuen und Angst einflössenden Eindrücken, ist das Gefühl von zuhause zu sein und somit in Sicherheit.

Die Suche
Es ist kein wirklicher Ort, ich habe demente Menschen erlebt, die bei ihnen zuhause noch das Zuhause gesucht haben. Es ist ein sehr mächtiges Bedürfnis welches sie/er nicht aufgeben wollen. Dieses Bedürfnis ist tief verankert in ihr/ihm und wird sie/ihn immer begleiten. Was wir, als Aussenstehende als Unruhe bezeichnen, ist vermutlich die Suche nach dem magischen Ort, der uns Geborgenheit vermittelt. Demenz bringt Gedanken durcheinander, löscht Erinnerungen und Fähigkeiten aus und beeinflusst unsere Wahrnehmungen, aber sie lässt unsere Gefühle intakt. Deswegen ist das Einzige was wir machen können, den Menschen auf seiner Suche begleiten und mit ihm «gefühlisch» zu sprechen.

Wie vermittelt man ein Gefühl von Zuhause?
Der Mensch hat eine ICH-Identität, er spürt sich, er erkennt sich im Spiegel, hat eine Vergangenheit, lebt in der Gegenwart, setzt sich seine Ziele und schmiedet Pläne für seine Zukunft. Er weiss, wer er ist, was er kann, was er will, verfolgt seine Träume und erfüllt seine Bedürfnisse. All das und noch viel mehr verliert ein Mensch der an Demenz erkrankt. Nicht über Nacht, sondern schleichend und unwiederbringlich.

Am Anfang vergisst er Abmachungen, das Zeitgefühl, wo er gestern unterwegs war, was es zum Mittagessen gab, irgendwann packt er seinen Schuh in den Kühlschrank, oder redet von Pampelsinen im Niemandsland und erkennt sein Spiegelbild nicht mehr. Die Vergangenheit wird zu seiner Gegenwart, immer anders, sprunghaft, launisch, verunsichernd. Er verliert genau das, was ihn als Individuum ausmacht. Seine ICH-Identität. Er ist längst nicht mehr zuhause in seiner eigenen Haut, geschweige denn in seinen eigenen vier Wänden. Die einfachsten Aufgaben werden zu unüberwindbaren Hürden, für die Betroffene, den Betroffenen selber, die/der ständig Zeuge ihres/seines eigenen Versagens wird und eine Überforderung für seine Angehörigen. Unsere Aufgabe, als Pflegende, ist die ICH-Identität des Menschen mit Demenz und somit das «ich fühle mich wohl und zuhause»-Gefühl wiederherzustellen.

Wir müssen erkennen, was uns der Mensch gegenüber vermitteln möchte, seine Gefühle und Antriebe identifizieren und seine Handlungen, egal wie falsch sie uns auch erscheinen mögen, es geht darum diese zu bestätigen. Der Mensch mit Demenz hat immer Recht!

Und irgendwann klopft jemand an die Tür
Klopf, klopf…ich weiss immer noch nicht, wer mich da drin erwartet, aber wenn ich die Türe aufmache sehe ich Frau P.. Sie hat ihren Koffer gepackt, ist ein wenig aufgeregt, aber die Freude steht im Vordergrund, nicht die Angst. Ich muss einfach genau das widerspiegeln was sie mir vermittelt, damit ich mit ihr in Kontakt treten kann, damit ich ihr zeigen kann, dass ihre Handlungen anerkannt werden, Sinn ergeben und sie ein wertvoller Mensch ist: «Ja, Frau P., Sie lieben es unterwegs zu sein!» ...kurze Pause dazwischen, damit das Gesagte bei ihr ankommt.

Die ersten Sätze sind entscheidend, sie bilden die Brücke zwischen uns und ermöglichen es mir, Frau P. zu erreichen. Sie nickt, das heisst die Brücke steht und ich kann ein weiterer Schritt in ihre Richtung wagen. «Sie wissen was Ihnen gut tut. Im Koffer packen kann Ihnen niemand etwas vormachen.» Sie fühlt sich bestätigt und ich bilde weitere Sätze, die es ihr ermöglichen sich an sich selber zu erinnern.
Ja, sie ist die Frau die viel reist und bereits vieles erlebt hat. Ihr zu sagen, dass sie 85 Jahre alt ist und im Altersheim wohnt würde sie in eine Krise stürzen. Das kommt nicht in Frage, aber: Wie bringe ich sie dazu nicht zu verreisen, ohne sie mit der Realität, die längst nicht mehr ihre ist, zu konfrontieren?

Biografiearbeit
Ich kenne die Biografie von Frau P. und weiss deshalb, dass sie extrem pflichtbewusst und hilfsbereit ist und nur das macht «was sich gehört.» Ich lobe ihren Fleiss und gleichzeitig erzähle ich ihr, dass ich sie gerne begleiten würde auf die Reise, ich aber noch Arbeit habe und sehr froh wäre, wenn sie mir helfen könnte. Manchmal klappt das nicht, sie sagt dann, sie hätte genug in ihrem Leben gearbeitet, dann stürzt die «Brücke» ein und ich muss eine neue Brücke aufbauen.

Dann muss ich an andere Eigenschaften von ihr appellieren. Deswegen ist die Biografie so wichtig. Ich muss wissen wer Frau P. ist, wenn ich ihr bei ihrer Selbstfindung erfolgreich helfen möchte. Meistens habe ich Glück, sie folgt mir, weil es sich nicht gehört, jemanden im Stich zu lassen und weil sie gesellig ist und viel lieber in Gesellschaft reist als alleine. Also, hilft sie mir.

Sie betritt die Küche, bindet sich eine Schürze um und hört nicht auf, bevor alles fertig ist, weil sie extrem pflichtbewusst ist. Die Zeit vergeht, «die Arbeit» macht ihr Spass, die Reise ist vergessen. Sie räumt dreckiges Geschirr in die Schubladen, wäscht saubere Konfitüren Schalen, freut sich über mein Lob, wirkt glücklich. Ihre Handlungen sind aus unserer Sicht falsch, aber der Antrieb dahinter, der Fleiss, ist für Frau P. immer noch richtig und wichtig. Sie ist fleissig und das sage ich ihr auch mehrmals.

So wird die Brücke zwischen uns immer stabiler
Irgendwann ist Mittag und wir essen zusammen. Anschliessend geht Frau P. wieder in ihr Zimmer, wo kein gepackter Koffer auf sie wartet. Sie legt sich hin und fühlt sich wieder wohl in ihrer Haut. Sie weiss nicht mehr genau was sie gerade gemacht hat, aber das spielt auch keine Rolle. Irgendwo bleibt ein Gefühl gebraucht zu werden, die willkommene Erschöpfung nach geleisteter Arbeit, das Gefühl alles richtig gemacht zu haben. Es braucht also uns, die anderen, damit der Mensch mit Demenz sich selber wahrnehmen kann.
Wir können ein erhobener Zeigefinger oder ein Zuhause für sie sein...

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Leserkommentare
Ruth Schneider, 
06.01.2020
Wahnsinn meine liebe Simona,wie du wieder so ein spannender Bericht veröffentlicht hast.Soviel Arbeit, verbunden mit grossem Wissen und Einfühlungsvermögen,ich verneige mich vor dir.Bravo