Neue alte Gewohnheiten
GAG
Simona Caratus
26. Juni 2020

Die Zeit danach ist immer anders

Es fängt mit dem berühmt berüchtigten ersten Schritt an und dieser fühlt sich ungewohnt an. Unser Kopf hat längst verstanden, dass die Lockerungsmassnahmen (bezüglich Corona) in Kraft getreten und in Ordnung sind, dennoch ist unser Gefühl in Alarmbereitschaft. Ist es wirklich nicht zu früh? Wie kann gestern alles so anders gewesen sein als heute? Bei der Arbeit haben wir klare Anweisungen die uns Halt und Sicherheit geben. Wir tauschen uns aus. Wir sind bemüht Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Wir sind 24 Stunden für unsere Bewohnenden da und geben ihnen Tag für Tag Zuwendung und Wertschätzung und somit Lebensqualität. Die meisten Bewohnenden haben sich sogar an unsere Maskengesichter gewöhnt. Es fühlt sich fast komisch an ohne Maske zu arbeiten.

Der neue Alltag

Die Arbeit ist nur ein Teil unseres Alltags. Wir haben Familien und Freunde, wir gehen jeden Tag nach Hause, nehmen die neue Normalität wahr und jeder verarbeitet die Situation auf seine Art und Weise. Was ist anders? So vieles! Der Kellner, der uns bedient trägt eine Maske, was komisch und befremdend aussieht, aber zum Glück dürfen wir wieder in ein Restaurant gehen. Niesen oder Husten in der Öffentlichkeit ist fast ein Tabu! Anstatt einem wohlgemeinten „Gesundheit“ erntet man unsichere oder gar böse Blicke! Oder bilden wir uns das nur ein? Kommt man einem Passanten auf der Strasse zu nahe, fühlt man sich bereits in Gefahr. Diese Unsicherheit ist sehr unangenehm.

Zuhause geht es weiter. Die Kinder wollen wissen wohin Corona verschwunden ist und warum sie in der Schule trotzdem Abstand halten müssen? Unser Partner erzählt über seinen speziellen Alltag, Nachrichten überschlagen sich, das Internet ist voll von Verschwörungstheorien, Kollegen und Freunde vertreten die unterschiedlichsten Meinungen und Ansichten. Und...und...und...Aber ja…Stopp. Irgendwo müssen wir den ersten Schritt tun und den Mut haben weiter zu gehen.

Experten über Nacht

Besucherinnen und Besucher im Alters- und Pflegeheim sind wieder erlaubt. Unser Telefon steht nicht mehr still, Anfragen um Anfragen häufen sich, Termine werden abgemacht, Freude liegt in der Luft aber auch Unsicherheit. Dann sind sie plötzlich da die Besuchenden, um ihre Angehörigen zu besuchen, zu sehen, zu umarmen? Nein, das noch nicht, aber die Sehnsucht nach einem Stück Normalität ist gross und ihre Fragen prasseln auf uns nieder. Was darf ich, wann, warum, was denken Sie…? Antworten werden von uns Pflegenden erwartet, so als wären wir über Nacht Experten in Sachen Corona geworden.

Unser gesunder Menschenverstand funktioniert zum Glück auch in der neuen Normalität. Menschen mit oder ohne Demenz wollen immer noch das Gleiche: Sich frei fühlen und sich bewegen können, Entscheidungen treffen, zusammen mit den Liebsten sein, gesund und glücklich sein.

Alte Methoden bewähren sich

Wie funktioniert der gesunde Menschenverstand im GAG Alltag? Wie entscheiden wir tagtäglich situative und individuelle Entscheidungen?

Nehmen wir folgende Situation: Ein Bewohner möchte mit seinen Angehörigen nach Hause gehen um seine Geburtstagsparty zu feiern. Geht das? Das  Risiko für eine Ansteckung, wie gross ist sie? Ist es vielleicht zu früh um so einen Schritt zu wagen? Ein infizierter Bewohnender könnte alle anstecken, aber ein Mitarbeitender genau so! Gesund zu sein im „goldenen Käfig“ macht niemanden glücklich. Deswegen brauchen wir individuelle Lösungen und sind häufig in einem ethischen Dilemma. Wir wollen keine unversehrten aber dafür unglückliche Bewohner. Die Situation mit der Geburtstagfeier müssen wir deshalb genau anschauen: Wie viele Menschen feiern zusammen? Findet das Fest drinnen oder draussen statt? Wie ist die Lokalität? Ist es möglich gegenseitig Abstand zu halten oder nicht?

Wir diskutieren mit dem Bewohnenden und seinen Angehörigen über mögliche Alternativen, eventuell in einem kleineren Rahmen zu feiern, in einem Restaurant um die Ecke. So finden wir schliesslich die passende und hoffentlich sichere Lösung für unseren Bewohnenden.

Diese individuellen, massgeschneiderten Lösungen sind uns sehr wichtig, erfordern viel Umsicht und es kann durchaus passieren, dass wir trotz Abwägen, Überlegen und Diskutieren eine Fehlentscheidung treffen. Diese Verantwortung zu tragen ist für uns nicht einfach.

In diesem Sinn wird, was wir gerade erleben uns alle verändern. Wir haben die Chance Neues zu lernen, das Beste draus zu machen, alte Gewohnheiten, die uns glücklich machen wieder aufzunehmen und das Leben zu geniessen.


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Leserkommentare
Ramona Häfeli, 
13.07.2020
Sehr schön geschrieben!