Corona und Demenz
GAG
Simona Caratus
27. April 2020

Die neue Normalität…

Frau K. schaut auf, normalerweise senkt sie den Blick damit sie besser sehen kann wohin sie tritt. Sie ist wackelig auf den Beinen, liebenswürdig, schwerhörig, leicht dement und 99 Jahre alt. Plötzlich sind 4 Frauen und ein Mann mit Masken im Raum.

„Schwester“, ruft sie, „warum tragen alle eine Maske?“. „ Es gibt in der Schweiz einen neuen Virus“, versucht eine Pflegerin zu erklären.

„Habt ihr alle einen Virus?“ wundert sie sich. „Warum tragen wir dann nicht alle  Masken?“ „Damit wir ihr Lächeln sehen können“, antwortet die Pflegerin. Das Lächeln von Frau K. wird breiter, dann schüttelt sie den Kopf und murmelt weiter vor sich hin. „Wenn der Geschäftsführer eine Maske trägt dann muss es schlimm sein.“ In Wirklichkeit ist er ein Pfleger den sie sehr mag. Für sie hat ein Mann in der Pflege nichts zu suchen, also muss er der Geschäftsführer sein. Wir lachen alle darüber, Humor ist wichtig in diesen besonderen Zeiten.

Der unsichtbare Feind

In der Pause beim Essen, mit der nötigen Distanz, ziehen wir unsere Masken ab. Die Sorge steht uns allen ins Gesicht geschrieben, die grosse Verantwortung,die auf unseren Schulter lastet. Wir haben alle Familie zu Hause. Jede hat eine andere Geschichte. Jeder von uns hofft gesund zu bleiben, nicht weil wir Angst um unsere Gesundheit haben, aber um die unserer Bewohnenden. Wir umsorgen und pflegen sie zum Teil seit Jahren und falls sie krank würden, hätten sie nicht so gute Überlebenschancen. Natürlich sind sie betagt und pflegebedürftig und irgendwann ist es Zeit zum Sterben, aber ohne Corona hätten sie vielleicht noch Monate oder Jahre vor sich, sonnige Tage mit Zufriedenheit und Geborgenheit. Niemand will derjenige sein, der einen unsichtbaren potenziell tödlichen Feind hineinschleppt.

Wir setzen die Anweisungen um, wir sind pflichtbewusst und dennoch hat es in unserem Altersheim Platz für Ausnahmen. Frau G. kann sich nicht mehr äussern. Sie ist empfindlich und schreckhaft. Ich serviere ihr das Morgenessen und möchte ihr mit Geduld Löffel für Löffel eingeben. Ihre Reaktion auf meine Gesichtsmaske ist eindrücklich: Ihre Pupillen weiten sich, ihr Körper zuckt, ihre langen dünnen Arme strecken sich zu meinem Gesicht. Ich entferne die Maske und lächle sie an. Sie entspannt sich und lächelt zurück. Jetzt kann ich ihr ihr Frühstück eingeben und sie isst mit Appetit.

Das Fenster zur Seele

Frau G. ist nicht die Einzige die so reagiert. Menschen mit Demenz verstehen bei fortgeschrittener Erkrankung die Sprache „sinngemäss“ nicht mehr, lesen aber in unseren Gesichtern. Die Maske verdeckt unsere Mimik und generiert dadurch Unsicherheit und Angst. Deswegen macht es Sinn, wenn wir Pflegenden mit Umsicht und gesundem Menschenverstand agieren. Die Augen alleine reichen oft nicht aus, auch wenn sie das Fenster zur Seele sein sollten. Der demente Bewohnende braucht ein ganzes Gesicht, Mimik und Gestik um zu verstehen was sein Gegenüber ihm sagen möchte.

Menschen mit Demenz kommunizieren hauptsächlich nonverbal. Sie vermitteln uns offen und unverblümt was sie empfinden und suchen nach der Antwort in unserem Gesicht. Sie haben feine Sensoren und spüren uns sehr gut. Die Wenigsten können mit dem Wort Virus etwas anfangen, aber ob wir in Sorge sind oder unbelastet merken sie genau.

Die neue Normalität fühlt sich für uns fremd an: Keine Umarmungen, Hände werden nicht geschüttelt, Distanz halten, Masken tragen und immer daran denken wo wir mit unseren  Händen hinlangen. Das kostet Kraft und fühlt sich „verkehrt“ an. Dennoch ist dies das Einzige was wir machen können um uns und unsere Bewohnenden  zu schützen..

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